Von:
Johannes Friedrich

e-naechstenliebe.de

Sie ist am Rand der Verzweiflung. Der Bus zum Bahnhof ist vor ihrer Nase abgefahren und der voll bepackte Rucksack wiegt mit jedem Schritt schwerer. „Weihnachten geht ja gut los“, denkt sie und bangt, ob sie heute noch ankommt. Im Schneckentempo quält sie sich weiter. Und zum Bahnhof ist es noch weit. „Hallo Sie!“ hört sie da eine Stimme hinter sich. Eine junge Frau in einem Kleinwagen steht da, die Tochter im Kindersitz. „Kann ich sie mitnehmen?“ Das erlösende Wort. Erleichtert lässt sich die Studentin auf den Beifahrersitz fallen. Wie nah das Ziel ist, wenn man ein Fahrzeug hat! „Wie gut, dass Sie auch zum Bahnhof müssen!“ sagt sie dankbar zu der Frau. Die lächelt leicht. „Eigentlich muss ich in die andere Richtung. Sie sahen nur so fertig aus.“

Es sind nicht nur die großen Namen wie Franz von Assisi, Mutter Theresa und Karlheinz Böhm, die für mich beispielhaft für Nächstenliebe stehen. Es sind auch die vielen Menschen, die ein waches Auge haben für die Nöte ihrer Nächsten und die sich unspektakulär und leise für sie einsetzen. Die vielen Ehrenamtlichen in den Tafeln, die in ihrer freien Zeit Lebensmittel an bedürftige Mitmenschen verteilen. Die Nachbarin, die die ältere Dame im dritten Stock mit Essen versorgt, der Junge, der einen Teil seines Taschengelds für Not leidende Kinder spendet oder der Angestellte, der sich mit dem Arbeitskollegen, den seine Frau verlassen hat, am Feierabend in die Kneipe setzt. Kleine, doch so wichtig Dienste der Nächstenliebe.

Nächstenliebe kann eingeübt werden. Es ist eine Haltung, die von sich selbst absieht und den Blick auf andere richtet. Ein tatkräftiges Zupacken, ein mutiges Wort. Wenn ich versuche, mich in die Situation der anderen zu versetzen und mit ihren Augen zu sehen, dann fällt es mir leichter, sie zu verstehen, ihnen nahe zu kommen. Eine Schule der Nächstenliebe ist auch das Gebet. Im Beten für andere Menschen bleiben sie mir nicht gleichgültig, sondern kommen mir nah. Dann gehe ich nicht mehr so leicht an ihnen vorbei.

Von Anfang an ist die Nächstenliebe im christlichen Glauben verwurzelt. Ja, Jesus bezeichnet sie sogar als das höchste Gebot, als ein Schriftgelehrter ihn danach fragt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Dieser aber – spitzfindig oder akkurat – will es genauer wissen: „Wer ist denn mein Nächster?“ Mein Nachbar oder meine Freunde, meine Familie oder meine Volksgenossen? Jesus entzieht sich der Frage mit einer Geschichte: Dem barmherzigen Samariter. Nicht wer mein Nächster ist, ist die Frage, sondern wem ich zum Nächsten werden kann. Das aber ist jeder, der mir begegnet – heute und an jedem anderen Tag.

Den Namen hat sie nie erfahren, doch ihren „Weihnachtsengel“ vergisst die Studentin nie: die Frau, die sie mitnahm, als sie es brauchte. „Schade eigentlich, dass das nicht öfter geschieht!“ sagt sie heute. Und nimmt sich vor, besser hinzusehen, um Gelegenheiten zur Nächstenliebe nicht zu verpassen. Denn davon gibt es genug.